Zweckbündnisse wichtiger als die Lage der Kurden in Syrien?


Wenn man sich die Rechtslage bezüglich der kurdischen Minderheit in Syrien bis 2011 betrachtet, sind Parallelen zur Türkei vor 2002 zu erkennen.

Aus dem Bericht von Human Rights Watch aus dem Jahr 2009:
„Syrische Behörden verbieten oder lösen Versammlungen auf, bei denen kurdische Minderheitenrechte eingefordert werden oder die kurdische Kultur gefeiert wird.
Darüber hinaus werden die Verhaftung von führenden kurdischen Aktivisten und deren Misshandlung im Gefängnis beschrieben. Als Reaktion auf groß angelegte kurdische Demonstrationen im März 2004 hat sich die Unterdrückung der Kurden in Syrien drastisch verschärft.“
https://www.hrw.org/de/news/2009/11/26/syrien-verfolgung-von-kurden-beenden

Ich frage mich, ob Zweckbündnisse für die PYD wichtiger sind als die Rechte der Kurden. Zwar gab es hin und wieder Auseinandersetzungen zwischen den Assad- und YPG-Truppen, aber für ein Stück Land die Massaker an Kurden zu verdrängen, ist schon widerwärtig. Viele PKK-Anhänger haben anscheinend die Unterdrückung ihrer Kultur und Identität in Syrien bis 2011 vergessen.
Die PYD hat sogar kurdische Proteste gegen das Assad-Regime aufgelöst.
Die ethnische Minderheit der Kurden macht in Syrien schätzungsweise zehn Prozent der Bevölkerung aus. Doch sie werden in der Verfassung mit keinem Wort erwähnt. Ihre Identität wurde unterdrückt, Kurdisch durfte nicht unterrichtet, die kurdische Flagge nicht aufgehängt werden.
Die herrschende alewitische Clique entzog Tausenden die Staatsbürgerschaft und unterband politische Aktivitäten. Die Kurden waren nach den Muslimbrüdern die häufigsten Gefängnisinsassen.
Wie die PYD mit kritischen Kurden umgeht, kann man in dem HRW-Bericht aus dem Jahr 2014 nachlesen:
Darunter unfaire Gerichtsprozesse, willkürliche Festnahmen von Gegnern, Menschenrechtsverletzungen, Einsatz von Kindersoldaten, Misshandlung von Häftlingen und ungeklärte Entführungs- und Mordfälle.
https://www.hrw.org/de/news/2014/06/19/syrien-menschenrechtsverletzungen-kurdischen-enklaven

Im damals „friedlichen“ Syrien durften staatenlose Kurden nicht in staatlichen Behörden und Unternehmen beschäftigt werden und legal keine syrischen Staatsangehörigen heiraten. Kurden mit dem Status eines Ausländers hatten nicht das Recht zu wählen oder sich zur Wahl zu stellen.
Das syrische Regime ging nach dem damaligen Scheitern der UN-Resolution noch härter gegen die Opposition vor.
Der oppositionelle kurdische Politiker Mashaal Tammo wurde 2011 ermordet. Tammo war nach mehr als drei Jahren als politischer Häftling aus dem Gefängnis entlassen worden. Das Attentat trieb 50.000 Kurden auf die Straße.

Diese systematische Unterdrückung zeigt uns, dass das Assad-Regime im Gegensatz zur türkischen Regierung nie an einem besseren Verhältnis mit seiner kurdischen Minderheit interessiert war und niemals deren legitime Beschwerden angesprochen hat. Stattdessen wurden kurdische Aktivisten und Politiker zum Schweigen gebracht.
Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs durften sie die kurdische Sprache nicht benutzen, ihren Kindern keine kurdischen Namen geben, keine Geschäfte unter nichtarabischen Namen eröffnen, keine privaten kurdischen Schulen gründen und keine kurdischen Bücher oder andere Schriften veröffentlichen.

Angesichts dieser Fakten müssen sich die PYD/PKK-Anhänger die Frage gefallen lassen, warum sie trotz ihrer Rechte in der Türkei gegen den Staat rebellieren, aber in Syrien mit dem Assad-Regime unter einer Decke stecken.
Mit dem Stockholm-Syndrom kann man ihre Einstellung nicht erklären, auch wenn die PYD mit den Kritikern zunehmend wie das Assad-Regime umgeht. Vielmehr mit ihrer Forderung nach mehr Land, indem sie über Leichen gehen. In einem "Land", in dem Menschenrechte massiv verletzt werden.



Turgay Adalet – 21.02.2016

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