Kopftuch im Gerichtssaal? JA!



Während das "demokratische" Deutschland über das Kopftuch in Klassenräumen und Gerichtssälen diskutiert, bekommt der vor 2002 in der Türkei unterdrückte und diskriminierte Teil der Gesellschaft immer mehr Freiheiten von einem System, das von den Medien als autoritär und nicht unabhängig lanciert wird.
Vor zwei Tagen kursierte ein Foto in den Medien und sozialen Netzwerken von einer Richterin mit Kopftuch in einem Istanbuler Gericht. Der Hohe Rat für Richter und Staatsanwälte (HSYK) hatte vor dem 7. Juni entschieden, dass keine rechtlichen Einwände gegen das Tragen eines Kopftuches im Gerichtssaal bestehe.
Welch eine Empörung in der kemalistischen Zeitung Sözcü und der Linken (Sol Haber), als ob die laizistische Grundordnung gefährdet sei.

Und dann wundern sie sich, warum die Mehrheit der in Europa lebenden Türken/Kurden hinter der AKP steht.
Sie werden hier auch nur wegen ihres Kopftuches diskriminiert.
Sie haben in der Türkei Verwandte, die jahrelang keine öffentlichen Ämter bekleiden durften und an Universitäten diskriminiert wurden.
Selbst wenn sie kein Kopftuch tragen, wissen sie, wie sie sich fühlen.
Außerdem ist die Wählerschaft heterogen wie keine andere Wählerschaft. Ob mit oder ohne Kopftuch die AKP wird von einer breiten Masse unterstützt.

Zum Verständnis des Wahlverhaltens der Bürger:

Während an den Küsten das kemalistische Establishment ist, das den Laizismus verteidigt und sich gegen die AKP ausspricht, entstand in Anatolien und den eher ländlichen Gebieten der Westtürkei eine Art islamische Bourgeoisie.
Auch das kemalistische Establishment versteht sich selbst zwar als aufgeklärte Kraft des Landes, verharrt aber seit mehr als zwei Jahrzehnten in einem autoritären und undemokratischen Staatsverständnis. Bis auf einige wenige Ausnahmen sind sie gegen das Kopftuch in öffentlichen Ämtern.
Unter anderem deshalb wird die Republikanische Volkspartei (CHP) niemals die Mehrheit der Bevölkerung für sich gewinnen können, auch wenn unter ihnen gemäßigte Stimmen zu hören sind (wie Faik Tunay).
Möchte Deutschland auch mit dieser Einstellung an Sympathie verlieren? Sollen die Juristinnen und Lehrerinnen mit Kopftuch auswandern wie ihre Verwandten damals aus der Türkei?
Eine kluge Generation zu verlieren, wäre kein kluger Schachzug und ein Verlust für Deutschland.

Der Wandel der AKP zur modernen Mitterechts-Partei wirkt überzeugend und macht sie für viele Wählerschichten attraktiv. Hinzu kommt, dass die Partei politisch keine ernstzunehmende Konkurrenz hat.
Der Eindruck, die türkische Gesellschaft sei islamischer geworden, trügt.
Die ländliche Bevölkerung und die anatolischen Städte waren immer schon religiös geprägt, durch den wirtschaftlichen Aufschwung in den letzten Jahren sind diese Gruppen aber weiter in die Mitte der Gesellschaft gerückt.
Dieser Entwicklung muss Rechnung getragen werden. Das macht derzeit nur die AKP. Die Partei hat die Befindlichkeiten und Bedürfnisse eines großen Teils der türkischen Bevölkerung erkannt und erfolgreich umgesetzt.

Liebe Menschen Deutschlands:
So wie das Kopftuch im Gerichtssaal das laizistische Fundament der Türkei nicht zerstört hat, wird es auch die freiheitlich demokratische Grundordnung in Deutschland nicht gefährden.
Ist es die Angst vor dem politischen Islam, den man als Trumpfkarte einsetzt, um die Freiheiten der Anderslebenden und Andersdenkenden einzuschränken?
Obwohl sie damit keine politischen Ziele verfolgen und nur ihren Glauben ausleben möchten, ist es utopisch, vom politischen Islam zu sprechen.
Bitte argumentiert nicht mit dem Neutralitätsgesetz.
In unserer Schullaufbahn und im Studium haben wir die "Neutralität" einiger Lehrkräfte und Dozenten - ohne Kopftuch - gesehen!

Turgay Adalet - 05.11.2015

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