Die Rolle der Türkei im Nahen Osten



Wieder bereit für einen Exkurs in die Geschichte? Dann mal los.
Wir schreiben das Jahr 1873. Der von Wirtschaftstheoretikern als ‚Große Depression‘ oder auch ‚Große Deflation‘ bezeichnete Konjunkturtief in der Weltwirtschaft nahm seinen Lauf. Der Wiener Börsenkrach war der Ausgangspunkt und wirkte sich auch negativ auf etablierte Industriegesellschaften wie Großbritannien aus, als die Preise von Wirtschaftsgütern, Materialien und Arbeitskraft kräftig nachließen. Dieser Konjunkturverlauf dauerte bis 1896 an und danach begann eine lange Aufschwungphase bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Die mit Auf- und Abschwüngen gekennzeichnete Zeit bereitete auch den Krieg vor. In der Industriebranche war England nach der wirtschaftlichen Depression nicht mehr wettbewerbsfähig. Nach 1890 konzentrierte sich das englische Königreich auf die Suche nach dem ‚Schwarzen Gold‘, der in der Folgezeit für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich war. Für die Ausbeutung war die Teilung des Osmanischen Reiches von äußerster Bedeutung.
Der Tag für den globalen Krieg über die Kontrolle der Erdölquellen näherte sich. In diesen Jahren wollte Sultan Abdülhamid das Interesse der Deutschen an seinem Land nicht unberücksichtigt lassen, um das Erdölspiel der Engländer zu zerstören. Deshalb war die Eisenbahnlinie nach Bagdad von großer Bedeutung, denn wer diesen Auftrag realisierte, der hatte auch die Befugnis, nach Erdöl zu suchen. Dieser taktisch kluge Schachzug gefiel den Engländern überhaupt nicht.

1910, ein Jahr nach Entdeckung der persischen Erdölfelder und sechs Jahre nach Baubeginn der Bagdadbahn, begannen sich plötzlich auch die Engländer für Mesopotamien zu interessieren. Jungtürken hatten den Sultan gestürzt und britische Finanzleute nach Konstantinopel geholt. Und diese hatten mit englischem Kapital und Management die Türkische Nationalbank ins Leben gerufen. In dieser Nationalbank war kein einziger Türke, sondern nur der Armenier Kalust Gülbenkyan, der im Osmanischen Reich ein reicher angesehener Geschäftsmann war.
Nach der türkischen Revolution gründete Sir Ernest Cassel, Chef der neu geschaffenen türkischen Zentralbank, in London die Turkish Petroleum Company – eine Konzessionsgesellschaft.
Damit wollte man vom Sultan das Nutzungsrecht über das Erdöl in Mesopotamien verliehen bekommen. Doch bis dahin war der einzige Akteur die Bagdad-Bahn-Gesellschaft, die von der Deutschen Bank für den Bau und Betrieb der Eisenbahn gegründet wurde.
Im April 1913 schickte das britische Außenministerium einen Brief an das türkische Generalkonsulat in London:
„Das Osmanische Reich darf keine Zeit mehr verlieren und Regelungen in die Wege leiten, damit England die Kontrolle über die Erdölquellen in Mesopotamien  verfügen kann, weshalb wir auf eine Bestätigung eurerseits warten.“

Dem Druck Englands konnten die deutschen Unternehmen nicht länger standhalten und mussten Kompromisse eingehen. Am Ende übernahm die von den Engländern kontrollierte Anglo-Persian Gil Company 50% der Aktien, 25 % die Shell-Group (GB-NL) und die übrigen 25% die Deutsche Bank.

Warum zog Großbritannien in den Krieg?

Im Juni 1914, wenige Tage vor Kriegsausbruch, kaufte die englische Regierung die Mehrheit der Aktien von APOC (Anglo-Persian Oil Company) auf und damit reduzierte sich der Anteil der Deutschen Bank im türkischen Erdölunternehmen.
Mit diesen Worten erklärte der deutsche Bankier und Wirtschaftswissenschaftler Karl Helfferich von der Deutschen Bank, warum Großbritannien in den Krieg zog:
„Um die wirtschaftliche Entwicklung des Deutschen Reiches zu verhindern, setzen die Engländer ihre traditionelle Politik um. Mit Kriegen konnten sie wieder zu ihrer alten Macht gelangen und mit dieser Kriegspolitik auch bewahren.“

Was lernen wir daraus?
Einer der wichtigsten Gründe, warum der Erste Weltkrieg ausbrechen musste, war die Aufteilung der Erdölregionen unter den Großmächten.
In diesem geopolitischen Plan war kein Platz für das Osmanische Reich.

Mit dem Blick auf die heutigen Entwicklungen ist es evident, dass die aktive Rolle der Türkei im Nahen Osten die Engländer stört. Ein unabhängiges Kurdistan wäre ihnen da lieber, das sie ohne große Hindernisse für ihre Interessen lenken und steuern können.
Dabei vergessen sie, dass der kranke Mann am Bosporus die Gesinnung und Ziele der Engländer von gestern nicht vergessen hat.


Turgay Adalet – 06.08.2015

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