Stille Medienlandschaft sei leise!



Stille Post in der deutschen Medienlandschaft!


So werden die Worte des Vizepremiers verdreht und zur Hetzkampagne genutzt.


Gestern ereignete sich ein Vorfall im türkischen Parlament, welches die Aufmerksamkeit der deutschen Medien auf  sich zog. Es gehört mittlerweile dazu jeden Tag etwas über die Türkei zu lesen. Nur ist keine Spur von Qualitätsjournalismus und objektiver Berichterstattung. Das Feindbild steht eindeutig fest - Erdogan und seine AKP. Es genügt eine kleine Bemerkung von AKP-Abgeordneten, um diese dann aus dem Kontext zu reißen, mit neuem Inhalt  zu befallen und  dann  dem Volk zu servieren. Nicht zu vergessen, dass die Schlagzeilen dabei strategisch ausgewählt werden. Aber das ist bisher bekannt. Was nun dazu kommt ist, dass jedes Medienorgan einen drauf legt. Man kennt das Spiel „Stille Post“ -  Zu beginn flüstert Person A Person B etwas zu, Person B zu Person C, usw. Person X spricht die Post laut aus und alle lachen über die verdrehte und unsinnige Post. Genau  so und nicht anders agieren heute deutsche Medien über Geschehnisse aus der Türkei. Ganz aktuell die

„Sei Still - Sie als Frau sein sie Still“-Debatte des Vize-Premiers Arinc.


Zunächst die Schlagzeilen:


Spiegel: „Türkischer Vizepremier über Frauen: Nicht lachen, Mund halten“ Spiegel: „Türkischer Vizepremier: "Sie als Frau, seien Sie still“

T-Online: „Sie als Frau, seien Sie still! Sexistische  Entgleisung im türkischen Parlament“ Focus: „"Sie als Frau, seien Sie still!“ Macho-Spruch: Türkischer Vize-Premier verbietet

Abgeordneter den Mund“

Stern: „Sexistische Zurechtweisung Türkischer Ministerpräsident: "Sie als Frau, seien Sie still!“ 


Wie man sieht, erst redet man vom Vizepremier, dann ist es der Ministerpräsident. Auf der einen Seite wird von sexistischer Entgleisung geschrieben, dann  aber ist es sexistische Zurechtweisung. Ein Macho-Spruch ist es obendrauf auch noch. Ganz nach dem Beispiel der Stillen Post. Aber was geschah tatsächlich im Parlament?


Der Vizepremier betonte, dass er drum bittet, dass man ihm jetzt auch zuhört, da er die Ansprachen der HDP-Abgeordneten mit Geduld und Respekt verfolgt habe. Er begann seine Worte  mit  „ich bedaure  es, dass nicht  die  Vorgesetzten der  HDP  heute  im  Parlament sprechen. Die Dame würde sicherlich betonen, dass sie sich an die PKK, PYD und YPG stützen und anlehnen. Der Herr würde wiederholend das Volk zur Bewaffnung aufrufen. Sie sind die Verantwortlichen, die am Mord der Polizisten und Soldaten in diesem Land schuldig sind.“ In dem Moment  kamen Geschrei und  respektlose Zurufe auf. Insbesondere Nursel Aydogan sprang historisch auf und fing an zu schreien. Da kam der Spruch: !Seien Sie still! - Sie als Frau, seien Sie still!“. Die Sitzung ging weiter. Aber dem ganzen so viel Unfug hineinzuinterpretieren ist  echt  Weltklasse!  


Ein kurzer Blick in die Vergangenheit zeigt uns, dass die Empörung über frauenfeindliche Aussagen, in die man Arincs Worte nicht kategorisieren kann, nur dann groß ist, wenn es sich um Gleichgesinnte handelt. Die Frauenrechtler von heute schwiegen, als der damalige Ministerpräsident Bülent Ecevit unter Beifall des Parlaments die erste Abgeordnete mit Kopftuch Merve Kavakci mit verachtenden Worten an die laizistischen Grundsätze der Republik erinnerte. Denn das Kopftuch wurde als Drohung gegen die staatliche Ordnung eingestuft und folglich hatten alle Frauen das Recht im Parlament das Volk zu vertreten, nur nicht eine Merve Kavakci. Heute jedoch sitzt ihre Schwester mit Kopftuch im Parlament und die staatliche “Ordnung” wurde nicht aus den Säulen gerissen. An diesem Beispiel darf der Angriff nicht auf das Kopftuch als Symbol reduziert werden, denn jede Frau besitzt eine Würde, die vom Staat und schon gar nicht von seinen Vertretern zertreten werden darf.


Im November 2013 ereignete sich bei einem Empfang in der japanischen Botschaft ein Skandal, als die Frau des damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Präsidenten Erdogan Emine Erdogan eine Ansprache hielt. Dabei wurde Frau Erdogan vom CHP-Abgeordneten Kamer Genc mit diesen Worten verbal attackiert: “In was für einer Amtsposition reden sie hier?”

Überwiegend viele Regierungskritiker, beschämenderweise viele Frauen, hatten dem CHP-Politiker Rückendeckung gegeben. Hätte sich ein AKP-Politiker so wie Kamer Genc verhalten, der für seine sexistischen Äußerungen bekannt ist und gerne 'Blumen gießt', würde man ihn Schlagzeile für Schlagzeile in die Knie zwingen – keine Zeile in der deutschen Medienlandschaft. 

Ein echter Beweis für  Qualitätsjournalismus, insbesondere die Schlagzeilenbildung ist erste Sahne. Weiter so Deutschland!


#DeutscheMedienSchwätzen


Cihad Ebrar & Turgay Adalet 

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